Gebrauchte Bücher als romantischer Quell

Der Titel mag überschwänglich oder vielleicht eher abwegig klingen, zumindest für so manches Ohr. Grundlegend sind gebrauchte Bücher ohnehin etwas hervorragendes. Vielerlei Gründe gibt es, um sie zu bevorzugen. Sie sind günstiger, teilweise gibt es keine neuen Auflagen oder man möchte vielleicht der Umwelt den Gefallen tun.

Natürlich könnte man hierdurch auch eine Debatte darüber in Anstoß bringen, ob man den (eventuell doch noch lebenden) Künstlern oder Schriftstellern hiermit nicht ihrer wohlverdienten Tantiemen bestiehlt. Doch das sei jetzt wirklich nicht von Belang.

Auch wenn bei meiner persönlichen Vorliebe für gebrauchte Bücher die oben genannten positiven Gründe eine Rolle spielen mögen, gibt es einen weiteren Faktor, welcher nun nicht unbedingt auf gebrauchte (d. h. ‚Second-Hand‘) Bücher begrenzt ist, aber gerade diese im besonderen betrifft.

Zwar mag man sich auch bei dem gebrauchten Fahrrad über die Vorbesitzer und deren Geschichte wundern können, doch nichts lässt einen so in Fantasien eintauchen wie die Handschrift einer fremden Person am Rande einer Zeile.

Dies hier zu schreiben kam mir durch einen solchen Anfall von fantastischer Sinnerei, als ich eine mir gerade erstandene Ausgabe von einer Sammlung von Ebner-Eschenbach Erzählungen das erste Mal aufschlug. Bereits auf der Innenseite des Umschlags wurden Notizen gemacht, das erste Wort auch sogleich „Notizen:“. Es ist eine schöne Schreibschrift, wie ich es von strebsamen Schülern erwarten würde.

Weiter unten entdecke ich in derselben Schrift, aber mit weniger Druck geschrieben: „5. 6. 7. Juni“. Sofort kommt das große Nachdenken – in welchem Zusammenhang könnte es stehen? Ist es etwas Persönliches oder doch etwas so Simples, dass ich es einfach übersehe?

Der nächste Blick fällt auf das Veröffentlichungsjahr. Diese bestimmte Auflage wurde in den 80ern gedruckt. Da wird es mir klar: Ich halte ein wahres Stück Geschichte in der Hand, doch wiederum auch so unbedeutend aber für mich gerade von so großer Bedeutung.

Meine Überlegungen lassen mich darauf schließen, dass die Person auf jeden Fall Schüler war, weshalb sonst hätte sie sich nicht nur das Büchlein erstehen, sondern auch noch Notizen darin machen sollen? Zumindest unter zwanzig Jahre alt, demnach.

Du meine Güte, wie geht es dieser Person jetzt? Sie könnte längst nicht nur stolzer Elternteil, sondern auch das erste Enkelkind in den Armen gehalten haben!

Könnte ich, dann würde ich die Person anrufen. Meine erste Frage würde lauten: „War es für einen Test, oder war es etwa doch eine Präsentation?“ Und natürlich würde ich vom anderen Ende ein wissendes Lachen zurückbekommen. „Ein Test – es war selbstverständlich eine 1.“

„HA!“, würde ich darauf sagen. „Das habe ich mir gleich gedacht!“

Ob wir uns wohl verstehen würden?

Jedes Mal wenn ich ein Blatt umschlage und eine neue Notiz am Seitenrand entdecke, spinnt sich die Geschichte in meinem Kopf weiter, Krambambuli läuft nur noch vor meinen Augen ab, die wahre Erzählung passiert zwischen mir und wem auch immer dieses Buch mal gehört haben möchte.

Und wer kann schon behaupten, so etwas mit einem neuen Buch bekommen zu haben?